Germanen: Unterwegs zu höherer Zivilisation


Germanen: Unterwegs zu höherer Zivilisation
Germanen: Unterwegs zu höherer Zivilisation
 
Die älteste Nachricht über Germanen findet sich in dem um 80 v. Chr. niedergeschriebenen Geschichtswerk des Poseidonios von Apameia. Als Zitat aus dem 30. Buch ist ein Satz über die Essgewohnheiten von Germanen überliefert: Als Hauptmahlzeit nähmen sie gliedweise gebratenes Fleisch zu sich, sie würden auch Milch trinken und Wein, diesen jedoch unvermischt. Diese uns Heutige banal anmutende Aussage enthielt für den gebildeten Leser der Antike eine sehr genaue Charakterisierung des zivilisatorischen Niveaus jener Germanen: Sie zählten eindeutig zu den Barbaren, waren unzivilisierte Wilde, die nicht nach geschriebenem Recht und nicht in staatlicher Ordnung lebten. Der Ausgangspunkt der Geschichte der Germanen ist durch diese scheinbar beiläufige Bemerkung zutreffend bezeichnet.
 
Diese Nachricht und andere ihrer Art ließen im 1. Jahrhundert v. Chr. bei Römern und Griechen einen vorher ungebräuchlichen ethnographischen Begriff aufkommen. Die Angehörigen von Völkern, die zwischen Rhein, Donau und Weichsel und bis hinauf nach Skandinavien siedelten, wurden nun zum ersten Mal als Germanen bezeichnet und ihr Land als Germanien. Bis dahin hatte in der zivilisierten Welt des Mittelmeerraums die Vorstellung geherrscht, jenseits der Alpen würden im Westen die Kelten, im Osten die Skythen wohnen; von einem Volk dazwischen, zumal von einem großen, wusste man nichts. Man konnte davon auch nichts wissen, weil es dieses Völkergebilde »Germanen« noch gar nicht gab. Es ist erst gegen Ende des 1. Jahrtausends v. Chr. entstanden.
 
Eine Generation nach Poseidonios war es Caesar, der in starkem Maße den Germanenbegriff und mehr noch den Begriff von Germanien als dem Territorium der germanischen Stämme geprägt hat. Für ihn endete Gallien, das er in den Jahren 58 bis 51 v. Chr. der römischen Herrschaft unterworfen hatte, am Rhein, und was jenseits des Rheins lag, war für ihn Germanien. Das war mehr ein politischer Willensakt, als dass es den ethnographischen Realitäten entsprochen hätte; denn es lebten damals noch keltische Volksgruppen östlich des Rheins ebenso wie germanische, das heißt solche rechtsrheinischer Herkunft, westlich des Flusses, und diese Sachverhalte waren Caesar sehr wohl bekannt. Auch die archäologischen Fundgruppen dieser Zeit, aus der Epoche der späten La-Tène-Kultur, lassen keine Kulturscheide am Rhein erkennen, weisen vielmehr den Rhein kreuzende, westöstlich verlaufende Verbreitungsfelder auf. Gleichwohl hat sich die politische Entscheidung Caesars, den Rhein als Grenze zwischen Gallien und Germanien anzusehen, auch in ethnographischer Hinsicht differenzierend ausgewirkt: Wer fortan östlich des Rheins siedelte, befand sich damit von selbst in einem germanischen Milieu, galt aller Welt als germanisch, empfand sich schließlich selbst so und war es demzufolge auch.
 
Abermals anderthalb Jahrhunderte nach Caesar hatte Tacitus verhältnismäßig klare Vorstellungen von den Grenzen Germaniens, soweit sie mit Grenzen des römischen Imperiums zusammenfielen: Sie lagen im Süden an der Donau und im Westen am Rhein. Unsicher war sich Tacitus hinsichtlich der Grenze im Osten — er vermutete sie ungefähr im Weichselgebiet —, und im Norden rechnete er ganz Skandinavien bis zum Eismeer zu Germanien.
 
Tacitus wusste noch sehr genau, wie die Begriffe »Germanien« und »Germanen« entstanden waren, womit zugleich etwas gesagt wird über die Herausbildung dessen, was mit diesen Namen bezeichnet wurde. Im 2. Kapitel seiner gegen 100 n. Chr. abgefassten Schrift »De origine et situ Germanorum« (Über den Ursprung und die Lage der Germanen), meist kurz »Germania« genannt, hat er, wie der Titel besagt, auch den Ursprung der Germanen behandelt. Er legt dar, dass sich die germanischen Stämme in drei Gruppen gliedern, die nach den drei Söhnen des mythischen Stammvaters aller Germanen benannt seien, den Söhnen also des Mannus, der seinerseits ein Sohn des erdentsprossenen Gottes Tuisto gewesen sei. Die Ingwäonen (lateinisch Ingaevones) seien an der Meeresküste wohnhaft, die Herminonen in der Mitte Germaniens, und den Istwäonen (Istaevones) seien alle übrigen Stämme zuzuordnen. Gleich im Anschluss daran muss Tacitus jedoch einräumen, dass es eine Reihe von Stämmen gibt, die nicht in diese Ordnung passen, darunter so bedeutende wie die Sweben (Sueben) und die Wandalen (Vandalen), die von ihm Vandilii genannt werden. Stammesnamen dieser Art bezeichnet er dessen ungeachtet als die echten und alten Völkernamen (vera et antiqua nomina) und lässt sich dann über den neu aufgekommenen Gesamtnamen der Germanen aus:
 
Die Bezeichnung »Germanien« sei noch neu und erst kürzlich geprägt worden. Das sei so gekommen: Ein aus dem Rechtsrheinischen nach Gallien eingedrungener Stamm — dessen Angehörige inzwischen übrigens als Tungrer bezeichnet würden — sei zuerst mit dem Namen »Germanen« belegt worden. Mit der Zeit habe sich der Name dieses Einzelstammes als Bezeichnung für die ganze Gruppe der mit ihm verwandten rechtsrheinischen Stämme durchgesetzt; als Germanen im umfassenden Sinn seien diese also zuerst von den Galliern bezeichnet worden und hätten alsbald den Namen, so wie er nun einmal aufgekommen war, auch selbst verwendet.
 
Das klingt nach allem nicht unglaubwürdig: In den Tagen des Tacitus war man sich noch bewusst, dass sowohl der Name »Germanen« als auch die so benannte ethnische Einheit verhältnismäßig junge Erscheinungen waren, dass beides sich erst in jüngerer Zeit herausgebildet hatte und dass man als Germanen zuerst keine große Volksgruppe, sondern einen Einzelstamm bezeichnet hat. Diesen dürfte Poseidonios im Auge gehabt haben, als er, wie eingangs geschildert, von den Essgewohnheiten »der Germanen« berichtete.
 
 Wer waren diese Germanen? — Die Frage der germanischen Identität
 
Was hat die innerhalb dieses weiten Raumes ansässigen Bevölkerungsgruppen untereinander so verbunden, dass es angebracht und gerechtfertigt erschien, sie mit einem gemeinsamen Namen zu belegen, sie allesamt als Germanen zu bezeichnen? Aus der Sicht der Gallier beziehungsweise Kelten ist mit der Bildung dieses Begriffs zweifellos eine Abgrenzung von der eigenen Identität verbunden gewesen, und diese Abgrenzung muss alsbald auch den Römern und nach einigem Zögern auch den Griechen eingeleuchtet haben: nichtkeltische Barbarenvölker also, die man nach dem erstbesten Teilstamm, mit dem man unliebsame Bekanntschaft hatte machen müssen, insgesamt als »Germanen« bezeichnete.
 
Eine gewisse Einheitlichkeit des kulturellen Erscheinungsbildes kam vermutlich hinzu: Diese Germanen waren im Prinzip sesshaft, trieben Ackerbau und Viehzucht, lebten in ländlichen Siedlungen mit reiner Holzarchitektur — eine Lebensweise, die zum guten Teil durch die Natur des Landes und seines Klimas bestimmt war. Sie unterschieden sich jedenfalls klar von den Jägervölkern des hohen Nordens ebenso wie von den Reiternomaden der östlichen Steppen.
 
Dass die Germanen von alters her eine gemeinsame Sprache besessen hätten und dass diese womöglich sogar ihre ethnische Identität begründet hätte, ist nicht zu erkennen. Vielmehr muss es im Bereich des heutigen nordwestdeutschen und niederländischen Flachlandes noch um die Zeitwende Völkerschaften gegeben haben, die aus einer anderen Sprachwelt stammten, ihr vielleicht sogar noch angehörten, die jedoch trotzdem und mit Recht den Germanen zugerechnet worden sind. Auch sind in der Mittelgebirgszone starke Bevölkerungsteile keltischer Herkunft und Zunge erst allmählich germanisiert worden. Gewiss ist es unbestreitbar, dass die Sprachen all derjenigen Völker, die in der Geschichte als germanisch in Erscheinung treten, in Wortschatz und Struktur Gemeinsamkeiten aufweisen, die sie als verwandt erscheinen lassen. Dies muss aber nicht auf eine physische Urverwandtschaft hinweisen, in dem Sinne etwa, dass alle Germanisch sprechenden von einem germanophonen Urvolk abstammen. Vielmehr können solche Gemeinsamkeiten auch als Resultate von Ausgleichs- und Überschichtungsvorgängen entstehen, die sich innerhalb eines einheitlich konditionierten Raumes vollzogen haben.
 
Dies dürfte in der Tat der eigentliche Entstehungsgrund des Germanentums gewesen sein: ein einigermaßen einheitlich konditionierter Raum. Darunter ist erstens sehr wohl der Naturraum zu verstehen: Die Landesnatur in Mitteleuropa und Südskandinavien und der hier ausgeprägte Klimatyp der gemäßigten Zone boten recht einheitliche Bedingungen, die zur Ausbildung übereinstimmender Wirtschaftsformen und Siedlungsweisen führten und die Entwicklung untereinander ähnlicher sozialer Strukturen begünstigten. Zweitens und vor allem aber der Zeitraum: Für die Herausbildung des Germanentums war die eigentümliche historische Konstellation prägend, die sich für jenen geographischen Raum gegen Ende des ersten vorchristlichen Jahrtausends ergeben hat.
 
Historische Rolle: Erben der Kelten, Anrainer der Mittelmeerwelt
 
Zwei kausal miteinander verbundene Vorgänge sind für die Herausbildung dieser spezifischen historischen Situation verantwortlich: der Untergang des mitteleuropäischen Keltentums und das Vordringen der Römer nach Mitteleuropa. Seit der Mitte des letzten Jahrtausends v. Chr. hatten die keltischen Stämme als nördliche Nachbarn der mittelländischen Hochkultur im Landstreifen zwischen Atlantikküste und Karpaten gesiedelt. Die Nähe zur mittelländischen Kulturwelt hatte ihre Daseinsform geprägt und ihre Entwicklung bestimmt, die sie schließlich an die Schwelle zur Hochkultur führte, wie Frühformen städtischer Siedlungsweise, der Umlauf von Münzgeld und Anfänge eigenen Schriftgebrauchs zeigen. Dadurch wurde die Eingliederung keltischer Gebiete in das expandierende Reich der Römer erleichtert; nach und nach wurden das keltisch besiedelte Oberitalien, die Alpen, der südliche Küstenstreifen Galliens und schließlich, in den Fünfzigerjahren des 1. Jahrhunderts v. Chr. durch Caesar, ganz Gallien bis zum Rhein von den Römern erobert. Blühende und hoch entwickelte Landstriche verloren damit ihre keltische Identität. Das mitteleuropäische Keltengebiet im heutigen Süddeutschland sowie in Böhmen und Mähren geriet in die Isolation und schließlich in eine existenzielle Krise. Dies war die Stunde der bis dahin im Rücken der Kelten siedelnden mittel- und nordeuropäischen Barbarenstämme: Zusammen mit den Restkelten in Mitteleuropa formierten sie sich zu einer neuen ethnischen Gruppe, eben zu jener der Germanen, und übernahmen exakt die gleiche historische Rolle, die bis dahin die Kelten gespielt hatten. Germanen waren fortan die Anrainer der von den Römern getragenen hoch zivilisierten Mittelmeerwelt, deren Grenzen — eben durch die Römer — inzwischen bis in den mitteleuropäischen Raum vorgeschoben worden waren. Germanen waren es fortan, die sich ständig und in vielen Bereichen mit der römischen Zivilisation auseinander setzten, auf geistiger Ebene ebenso wie auf dem Schlachtfeld. Ihre zivilisatorische Entwicklung wurde maßgeblich von der Kultur der Mittelmeerwelt beeinflusst, und sie absolvierten auf diese Weise einen langen Lernprozess, der sie schließlich, am Ende der Antike, in die Lage versetzte, das römische Staatswesen wenigstens in seinem westlichen Teil abzulösen.
 
Nicht ein einheitlicher Ursprung in der Tiefe der Zeiten, nicht ein aus der Urzeit ererbtes Identitätsbewusstsein, nicht eine in solch mythischer Vorzeit grundgelegte Gesellschaftsordnung, nicht eine von allen Anfängen her überlieferte Religion — nichts von alledem war es, was die Gemeinsamkeit der Germanen ausmachte, sondern es war — selbstverständlich auf der Grundlage der bis dahin entwickelten Daseinsformen — die ihnen am Ende des 1. Jahrtausends v. Chr. zugefallene historische Rolle »barbarische Völkerfamilie versus Römisches Reich«.
 
 Die germanischen Stämme: Nordseegermanen und Rhein-Weser-Germanen
 
Für die westliche, an den Rhein angrenzende Zone Germaniens sind in der antiken Literatur zahlreiche Stammesnamen überliefert, zum Teil offenbar von recht kleinen Stämmen. Von diesem grenznahen Bereich hatten die Römer, hatte namentlich auch Tacitus naturgemäß besonders detaillierte Kenntnisse. Nach Aussage der archäologischen Funde zerfällt dieser Bereich in die nordseegermanische Gruppe an der Nordseeküste und in deren Hinterland sowie in die südlich anschließende, zwischen Weser und Rhein verbreitete Rhein-Weser-germanische Gruppe. Als besonders bedeutungsvolle Stämme sind die Chauken für den nordseegermanischen, die Cherusker und die Chatten für den binnenländischen Bereich zu nennen. In den Jahren nach der Zeitwende standen die von Arminius geführten Cherusker an der Spitze einer Stammeskoalition, die die Absicht der Römer vereitelte, zwischen Rhein und Elbe eine Provinz »Germania« einzurichten. Die dem römischen Legaten Publius Quinctilius Varus im Jahr 9 n. Chr. im Teutoburger Wald (oder in dessen Umkreis) zugefügte Niederlage ist das herausragende Ereignis dieser Auseinandersetzung, das seit kurzem wenigstens an einem seiner Schauplätze, in der Kalkrieser-Niewedder Senke nahe Osnabrück, auch archäologisch evident ist. Aus den Rhein-Weser-Germanen ging im 3. Jahrhundert n. Chr. der Großstamm der Franken hervor; etwa gleichzeitig und in analoger Weise entstand im nordseegermanischen Raum der Großstamm der Sachsen. Konkrete politische Absichten, die bei den Sachsen auf die Britischen Inseln, bei den Franken auf die römische Provinz Germania inferior (Niedergermanien) zielten, haben wesentlich zur Bildung dieser neuen ethnischen Formationen beigetragen.
 
Die swebischen (elbgermanischen) Stammesgruppen
 
Östlich von den Nordsee- und den Rhein-Weser-Germanen siedelten die swebischen Stämme, deren archäologische Hinterlassenschaft sich als die »elbgermanische« Formengruppe darstellt. Hierzu gehörten so namhafte Stämme wie die Langobarden, die Hermunduren, die Markomannen und die Quaden, nicht zuletzt auch die Semnonen, die Tacitus als den ältesten und vornehmsten Swebenstamm bezeichnet. Die swebische Stammesgruppe hat zeit ihres Bestehens einen bemerkenswerten Expansionsdrang bewiesen. Ausgehend von ihrem Kerngebiet an unterer und mittlerer Elbe sowie im Havel-Spree-Gebiet hat sie sich noch vor der Zeitwende über ganz Thüringen und bis an den mittleren Main verbreitet und schon einen ersten Vorstoß in den böhmischen Kessel unternommen. In der Folgezeit wurde das Oberrheingebiet erreicht, wo römische Inschriften die »Suebi Nicretes« (Neckarsweben) nennen. Vor allem aber wurden Böhmen, Mähren und die westliche Slowakei bis zur römischen Grenze an der Donau besiedelt. In den Markomannenkriegen (166—180 n. Chr.) haben diese nördlich der mittleren Donau ansässig gewordenen elbgermanischen Stämme als Gegner der Römer eine maßgebliche Rolle gespielt. Als nach dem für die Römer siegreichen Ende dieser Kämpfe die Reichsgrenze an der Donau wieder stabilisiert war, wurde der elbgermanische Expansionsdrang nach Westen abgelenkt. Im 3. Jahrhundert haben sich dort die Alamannen (Alemannen), ein Großstamm wie Franken und Sachsen, vor allem aus elbgermanischen Elementen gebildet und sich im bis dahin römischen Gebiet zwischen Limes, Rhein und Donau festgesetzt. Im Alamannenverband aufgegangen sind die Juthungen, unter welchem Namen offenbar die altehrwürdigen Semnonen in der Phase ihres Ausgriffs nach der römischen Provinz Rätien auftraten. Ein ausgeprägtes Wanderschicksal hatten die Langobarden, die über Pannonien nach Italien gezogen sind, nicht minder die Quaden, die sich unter dem alten Sammelnamen »Sweben« schließlich auf der Iberischen Halbinsel niedergelassen haben. Selbst der erst in jüngerer Zeit gebildete Stamm der Baiern (Bajuwaren) ist in seinem Kern einer elbgermanischen, nach Böhmen zurückreichenden Wurzel entsprossen. Im Innern Germaniens blieben schließlich nur die aus den Hermunduren hervorgegangenen Thüringer ansässig.
 
 
Auf der jütischen Halbinsel hatten sowohl die elbgermanischen wie auch die nordseegermanischen Gruppen Kontakt mit den Nordgermanen (Ostseegermanen). Diese siedelten im südlichen Skandinavien, wobei Jütland und die dänischen Inseln, ferner die Ostseeinseln Bornholm, Gotland und Öland besondere Schwerpunkte bildeten. Auf der skandinavischen Halbinsel selbst war die Besiedlung weniger dicht. In der antiken Welt wusste man über diese entlegenen Gegenden und ihre Bewohner nur wenig; Tacitus kannte dort lediglich die Suionen (Schweden) und, schon an der östlichen Küste des Baltischen Meeres, die Ästier. In den Stammessagen so weit gewanderter Völker wie der Langobarden und der Goten gilt Skandinavien als die mythische Urheimat, ja, der gotische Geschichtsschreiber Jordanes bezeichnet es im 6. Jahrhundert n. Chr. geradezu als Produktionsstätte für Völker und Mutterschoß von Nationen (officina gentium et vagina nationum). Größere Abwanderungsbewegungen aus Skandinavien lassen sich allerdings archäologisch nicht nachweisen.
 
 
Was östlich der elbgermanischen Zone siedelte, kann unter der Bezeichnung »Ostgermanen« zusammengefasst werden. Begreiflicherweise sind die Kenntnisse, die die antike Welt von deren Wohnsitzen besaß, ähnlich dürftig und verschwommen wie im Falle der Nordgermanen; umso höhere Bedeutung kommt den archäologischen Zeugnissen zu. Nach ihnen lassen sich für die ältere römische Kaiserzeit (1./2. Jahrhundert n. Chr.) drei große Formenkreise unterscheiden: eine stark mit elbgermanischen Elementen durchsetzte Odermündungsgruppe am Unterlauf dieses Flusses sowie in Vorpommern und im westlichen Pommern, weiter eine Weichselmündungsgruppe im restlichen Pommern und an der unteren Weichsel sowie schließlich die Oder-Warthe-Gruppe, die von der mittleren und oberen Oder bis weit über die Weichsel hinaus großräumig verbreitet war.
 
Die Weichselmündungsgruppe wird heute meist nach dem Fundort Wielbark (deutsch Willenberg; Woiwodschaft Elbląg/Elbing) als Wielbarkkultur bezeichnet. Sie geht aus der ebenfalls im Weichselmündungsgebiet ansässigen Oksywie- beziehungsweise Oxhöftkultur hervor. Auf eine Expansionsphase im Raum südlich der Ostsee folgt eine bemerkenswerte Verlagerung in Richtung Südosten, wo die Wielbarkkultur schließlich in die Tschernjachowkultur einmündet, die im 2. bis 5. Jahrhundert n. Chr. in Südrussland und in der südlichen Ukraine verbreitet war. Dieser Vorgang spiegelt zweifellos die Südwanderung der Goten wider, ohne dass die genannten Kulturgruppen mit dem Gotenstamm schlechthin gleichgesetzt werden können. So wird man sich die Träger der Tschernjachowkultur am ehesten als einen polyethnischen Verband unter der Herrschaft der Goten vorzustellen haben. Die archäologischen Quellen bieten keinen sicheren Anhalt dafür, dass die Goten insgesamt aus Skandinavien eingewandert sind, wie es die spät aufgezeichnete Stammessage wissen will. Allenfalls für kleine Gruppen mag das gelten, was aber nicht ausschließt, dass gerade von solchen die Anstöße zu Expansion und Migration ausgegangen sein können. In der südrussischen Steppe haben die Goten ihr kulturelles Erscheinungsbild merklich verändert, indem sie sich der Lebensweise der dort beheimateten Reiternomaden angepasst haben; deswegen und in Anbetracht ihrer Wohnsitze weit außerhalb des eigentlichen germanischen Gebietes wurden sie schließlich von der spätantiken Welt gar nicht mehr als Germanen wahrgenommen, vielmehr als Hunnen oder Skythen bezeichnet.
 
Die ostgermanische Oder-Warthe-Gruppe, heute meist als Przeworskkultur bezeichnet, muss vor allem den Stamm der Wandalen eingeschlossen haben, der in die Unterstämme der Hasdingen und Silingen zerfiel. Die Wandalen haben von allen Germanenstämmen den weitesten Wanderungsweg zurückgelegt, bis sie 429 n. Chr. in Nordafrika ihr Königreich begründeten.
 
Schließlich haben alle ostgermanischen Stämme das von ihnen in der älteren Kaiserzeit eingenommene Siedlungsland zwischen Ostseeküste und Karpaten vollständig geräumt. Da auch die elbgermanischen Stämme bis auf wenige Reste nach Westen und Süden abgewandert sind, ist bis zum Anbruch des Mittelalters alles germanische Siedlungsland östlich der Elbe aufgegeben worden und konnte von den nachrückenden Slawen in Besitz genommen werden.
 
 Der Stamm — Mythos und Realität
 
Es sind nicht die Germanen insgesamt, die auf der Bühne der Geschichte handelnd und erleidend in Erscheinung treten, es sind vielmehr ihre einzelnen Stämme, wie der Überblick über die Siedlungsgebiete schon gezeigt hat. Im Stamm, der in den lateinischen Quellen als civitas, gens oder natio bezeichnet wird, ist ein wesentliches Element der politischen und sozialen Ordnung der Germanen zu erblicken.
 
Ein Stamm stellt eine Siedlungsgemeinschaft dar, die über ein bestimmtes Siedlungsgebiet verfügt. Das schließt freilich nicht aus, dass er sich dieses Territorium mit Angehörigen anderer ethnischer Gruppen teilen muss, wie es in eroberten Gebieten verschiedentlich der Fall war. Eine in den Quellen oft genannte Untergliederung des Stammes, der Gau (lateinisch pagus), dürfte in erster Linie ebenfalls als Siedlungsgemeinschaft zu verstehen sein. Ein Stamm unterstand einer einheitlichen politischen Führung, wie auch immer diese im Einzelnen organisiert war. Mit der politischen Struktur war die rechtliche verknüpft: Ein Stamm muss in aller Regel auch eine Rechtsgemeinschaft gewesen sein. Dass seine Angehörigen eine Sprachgemeinschaft bildeten, versteht sich beinahe von selbst, und in aller Regel werden auch gemeinsame religiöse Vorstellungen, werden vor allem gemeinsam vollzogene religiöse Riten, wird also ein gemeinsamer Kult eine ganz wesentliche Klammer für das Einheitsbewusstsein eines Stammes gewesen sein. Nicht zuletzt wurde das Identitätsbewusstsein eines Stammes dadurch gebildet und fortlaufend untermauert, dass er sich durch die bewusst empfundenen gemeinsamen Merkmale von anderen ethnischen Gruppen deutlich unterschied.
 
Die ständig erfahrene und bewusst gelebte Eigenart des Stammes konnte durch nichts besser erklärt werden als durch die Vorstellung von einer gemeinsamen Abstammung. Die elementare Erfahrung aus dem Lebensraum von Familie und Sippe, dass nämlich aus einheitlicher Abstammung Zusammengehörigkeitsgefühl und Solidarität erwachsen, wurde auf die Ebene des Stammes übertragen. Die Stammesangehörigen verstanden sich als Abkömmlinge eines mythischen Urahns, und es erhöhte das kollektive Selbstwertgefühl, wenn man den genealogischen Ursprung bis weit in mythische Vorzeit zurückverlegte und dem Stammvater möglichst noch göttliche Eigenschaften beimaß. Stamm, gens, natio — diese Bezeichnungen selbst geben der Vorstellung Ausdruck, dass das wesentlich Verbindende eines Stammes die einheitliche Abstammung seiner Angehörigen sei. Dies war jedoch in aller Regel eine bloße Fiktion und keine historische Realität. Die Fiktion als solche war aber wieder historisch real: Aus dem bei den Stämmen herrschenden, auf die Vorstellung von der einheitlichen Abstammung ihrer Angehörigen gegründeten Zusammengehörigkeitsgefühl erwuchs oft genug zielgerichtetes politisches Handeln.
 
Allgemein gilt: Stämme sind — und das allein schon widerlegt den Mythos von der gemeinsamen Abstammung — alles andere als stabile Gebilde. Stämme gehen unter, und es bilden sich neue (zum Beispiel Alamannen, Franken, Sachsen), sie können sich teilen (Ost- und Westgoten), und eine abgesplitterte Gruppe kann zu einem selbstständigen Stamm heranwachsen (so vermutlich die Quaden aus den Markomannen). Stämme können ihren Namen und damit in gewissem Umfang ihre Identität ändern (Semnonen/Juthungen; Hermunduren/Thüringer; Winniler/Langobarden), sie können Stammesfremde assimilieren oder selbst in einem anderen Stamm aufgehen (Juthungen — Alamannen). Eine relativ kleine Gruppe kann zum namengebenden und damit identitätsbestimmenden Kern eines Stammes werden (zum Beispiel die Baiern). Ein solcher Kern kann die Stammestradition durch Abwanderung verpflanzen und die Zurückbleibenden der Namenlosigkeit ausliefern.
 
Stämme entstehen, existieren, verändern sich und verschwinden gemäß der historischen Situation, entsprechend dem politischen und gesellschaftlichen Umfeld und nach Maßgabe ihrer eigenen politischen Ziele: Durch all das werden sie geprägt und definiert. Der Mythos von der gemeinsamen Abstammung hat positiv bestärkenden Charakter und dient der Legitimierung aktueller Zustände und politischer Ziele.
 
Zugleich bot aber der Stamm den eigentlichen Rahmen für die vielfältigen Erscheinungen der Lebenswelt der Germanen. Die im Folgenden zu skizzierenden Aspekte der geistigen und materiellen Kultur der Germanen haben in erster Linie auf der Ebene des Stammes (oder von Stammesgruppen) ihre Ausprägung gefunden, auf dieser manifestieren sie sich konkret, anschaulich und detailreich. Jeder Versuch, Phänomene zu definieren, die für das Germanengebiet insgesamt Gültigkeit besitzen sollen, führt meistens nur zu Feststellungen der allgemeinsten Art, die nichts anderes beschreiben als den allenthalben präsenten Gegensatz zwischen Römerreich und Barbarengebiet.
 
 Soziale Strukturen und Herrschaftsverhältnisse
 
Eine nicht minder romantische Vorstellung als die, der Stamm sei eine naturwüchsige Menschengemeinschaft, ist die andere, das politische Leben eines germanischen Stammes sei in einer geradezu demokratisch anmutenden Weise von der Gemeinschaft der Freien gelenkt worden. In Wirklichkeit tritt überall da, wo die Quellen nur irgendeinen Blick auf die innergermanischen Zustände erlauben, eine Schicht von Adligen (lateinisch nobiles, principes) in Erscheinung, in deren Händen die reale politische Macht lag. Wo Könige bezeugt sind, wie bei den östlichen und nördlichen Germanenstämmen, waren auch sie nichts anderes als Exponenten der Adelsschicht, gleichviel, ob das erste Amt im Stamm erblich war oder ob es durch persönliche Tüchtigkeit jeweils neu errungen werden musste. Die gesellschaftliche Bedingtheit von Aufstieg und Fall solcher Stammesführer können zwei Lebensläufe anschaulich vor Augen führen.
 
Zwei Lebensläufe: Arminius und Marbod
 
Der Cherusker Arminius (✝ 21 n. Chr.) und der Markomanne Marbod oder Marobod (✝ 36 n. Chr.) waren Zeitgenossen; in ihrem Herrschaftsanspruch waren sie Rivalen und auf dem Höhepunkt ihrer Macht erbitterte Gegner in offener Feldschlacht (17 n. Chr.). In Bezug auf das Verhältnis zu Rom — eine Schicksalsfrage! — verfolgten sie das gleiche Ziel, die politische Unabhängigkeit ihres Stammes, jedoch mit unterschiedlichen Konzeptionen: Arminius suchte die direkte Konfrontation, Marbod die respektvolle Distanz. Letztlich haben beide ihre Absichten wenigstens teilweise verwirklichen können, insofern Cherusker und Markomannen samt ihren Nachbarn und Verbündeten auf Dauer außerhalb des römischen Herrschaftsbereichs blieben. Eine Oberherrschaft in Germanien konnte jedoch keiner von ihnen erringen, und persönlich ist jeder in seiner Weise gescheitert.
 
Marbod war, wie die Römer sagten, genere nobilis, ein Adliger von Geburt. Er hatte sich in seiner Jugend in Rom aufgehalten, ob als Geisel, aus Anlass einer Gesandtschaft oder aus einem anderen Grund, ist nicht bekannt. Aber allein diese Tatsache und die andere, dass er von Kaiser Augustus mit Beweisen seiner Gunst ausgezeichnet worden ist, zeigt den hohen gesellschaftlichen Rang, den er innerhalb seines Stammes eingenommen haben muss. Der Aufenthalt im Zentrum des römischen Staates hatte ihn tief geprägt; fortan war er höchstens noch seiner Herkunft, nicht aber seiner Mentalität nach ein Barbar, wie es der zeitgenössische römische Geschichtsschreiber Velleius Paterculus, obendrein mit einem Wortspiel, ausdrückt: »magis natione quam ratione barbarus«. Nach seiner Rückkehr aus Rom übernahm er unangefochten die Führung, ja die königliche Gewalt innerhalb seines Stammes.
 
Mit der gleichen Kennzeichnung seiner Abkunft (genere nobilis) führt Velleius Paterculus auch den Cherusker Arminius in seine Darstellung ein, und nach Tacitus gehörte er gar einem königlichen Geschlecht (stirps regia) an. Wir kennen weitere Angehörige dieser Sippe: Der Vater hieß Segimer, ein Onkel Inguimer, einer der Brüder führte den lateinischen Namen Flavius; mit Thusnelda war Arminius verheiratet, und sein ihm nicht wohlgesonnener Schwiegervater war Segestes. Auch Arminius kannte den römischen Staat aus der Innenperspektive: Er hatte im oder jedenfalls dem römischen Militär gedient und das römische Bürgerrecht sowie die Würde des Ritterstandes erlangt. Was sich im Einzelnen hinter diesen überlieferten Tatsachen verbirgt — etwa auch ein Aufenthalt in Rom —, ist Gegenstand vieler gelehrter Spekulationen.
 
Es ist ersichtlich, dass für Arminius ebenso wie für Marbod die Herkunft aus einer adligen Familie die unabdingbare Voraussetzung des Aufstiegs zur Herrschermacht war. In der aktuellen historischen Situation, in einer Phase römischer Expansion nach Mitteleuropa nämlich, ließ sich ein solcher Aufstieg jedoch nur durch militärische Erfolge realisieren und war von der Kenntnis der militärischen Organisation des römischen Gegners abhängig. Über solche Kenntnisse verfügten Marbod und Arminius gleichermaßen. Arminius hat nicht nur einen glänzenden Sieg über die drei Legionen des Varus errungen (9 n. Chr.), sondern hat sich auch in den Jahren 14 bis 16 n. Chr. gegenüber den Angriffen des Germanicus behauptet, was letztlich zum Verzicht der Römer auf die Eroberung Germaniens führte. Auch Marbods Herrschaft über eine weit gespannte Stammeskoalition gründete sich auf ein Heer von nicht weniger als 70000 Fußsoldaten und 4000 Reitern — eine durchaus glaubwürdige Angabe, wenn man bedenkt, dass der spätere römische Kaiser Tiberius zwölf Legionen gegen ihn ins Feld führen wollte (6 n. Chr.), wozu es nur wegen eines Aufstandes in Pannonien nicht gekommen ist.
 
Dennoch waren Kommandogewalt und Kriegserfolg nicht die alleinigen Grundlagen der Macht. Auf Dauer ließ sie sich nur im Einvernehmen mit der Stammesnobilität ausüben. Marbod wurde durch die Auflehnung eines anderen Adligen namens Katwalda gestürzt und ins Exil getrieben (19 n. Chr.), nachdem die unentschieden verlaufene Schlacht mit Arminius (17 n. Chr.) einen Schatten auf sein Kriegsglück geworfen hatte. Die Gegner des Arminius saßen in seiner eigenen Familie: Segestes hatte schon mit Varus und später mit Germanicus, Inguimer hatte mit Marbod paktiert. Weil er angeblich nach der Königswürde strebte, wurde Arminius von seinen eigenen Verwandten umgebracht (um 21 n. Chr.).
 
Archäologische Zeugnisse adligen Lebens
 
Aufschlussreiche Informationen über den germanischen Adel liefern auch die archäologischen Quellen, namentlich in Gestalt von Grabfunden. Sowohl aus der älteren wie auch aus der jüngeren römischen Kaiserzeit sind Grabfunde in beträchtlicher Anzahl bekannt geworden, die in mehrfacher Hinsicht aus dem Rahmen des Üblichen fallen und deshalb allem Anschein nach mit Angehörigen einer privilegierten sozialen Schicht in Verbindung gebracht werden können. Schon durch die Beisetzungsart unterschieden sich diese Gräber von den landläufigen Sitten: Die Toten sind unverbrannt bestattet worden, während sonst allenthalben der Brauch der Leichenverbrennung geübt wurde. Diese Gräber enthalten Beigaben in großer Zahl, darunter auch Stücke von hohem materiellem Wert — ein deutlicher Hinweis auf den Reichtum der bestatteten Person und ihrer Sippe. Die Auswahl der Beigaben weist auf Lebensbereiche hin, in denen sich der herausgehobene soziale Status besonders deutlich zum Ausdruck bringen ließ: Mit kostbarem Schmuck und anderen Accessoires ihrer Kleidung wussten namentlich die Frauen zu imponieren, Tafel- und Küchengerät erinnert an die Rolle als Gastgeber, importiertes römisches Geschirr aus Silber, Glas und Bronze verrät verfeinerte Lebensart. Auch Brettspiele und Jagdgerät passen zur Freizeitgestaltung einer Adelsschicht, die weit entfernt war von der Last des Broterwerbs durch eigener Hände Arbeit.
 
Wie die Gräber lassen auch die archäologisch erschlossenen Grundrisse germanischer Ansiedlungen immer wieder das Vorhandensein eines privilegierten Personenkreises erkennen. Innerhalb des Küstendorfes Feddersen Wierde übertrifft beispielsweise ein Gehöft alle anderen durch seine Größe, durch ein hallenartiges Gebäude und durch zugeordnete Handwerksbetriebe. In den Landstrichen nördlich der mittleren Donau, um ein anderes Beispiel zu nennen, haben sich einzelne germanische Große römische Wohnkultur zu Eigen gemacht; sie verfügten über nach römischer Manier errichtete Steinbauten mit Heizung. Ein drittes Beispiel schließlich: Im 4. und 5. Jahrhundert sind in den grenznahen Bereichen Germaniens regelrechte Burgen entstanden, befestigte Höhensiedlungen als Sitz von Adligen samt ihrer Gefolgschaft.
 
Unterhalb der Adelsschicht gab es eine breite Schicht von Freien (ingenui), die vor allem als Bauern ihren Lebensunterhalt verdienten. Ferner kennen die Schriftquellen unfreie Personen, liberti (eigentlich Freigelassene, vermutlich auch in Abhängigkeit geratene Freie), und Sklaven (servi).
 
 Tracht, Schmuck und Bewaffnung
 
Die Zuordnung einer Person zu einer ethnischen Gruppe (z. B. einem Stamm), zu einer sozialen Schicht (z. B. zum »Adel«) oder zu einer Altersklasse muss sich auch in Germanien am deutlichsten in ihrer äußeren Erscheinung ausgedrückt haben, in der Tracht also einschließlich des vor allem von den Frauen getragenen Schmucks und der den Männern eigenen Bewaffnung. Der Unterschied zwischen einem römischen Bürger und einem germanischen Barbaren war aus der äußeren Aufmachung für jeden Zeitgenossen auf den ersten Blick erkennbar, und der einigermaßen Kundige konnte gewiss auch die Angehörigen verschiedener ethnischer Gruppen innerhalb der Barbarenwelt auf Anhieb auseinander halten.
 
Das war damals nicht viel anders als noch in unseren Tagen. Junge Leute, die in Böhmen vor dem Zweiten Weltkrieg weiße Socken oder Kniestrümpfe trugen, ordneten sich damit der deutschen Volksgruppe zu und waren für ihre tschechischen Mitbürger sofort als Deutsche zu erkennen, was immer sich daraus ergab. Analoge Verhältnisse im 6. Jahrhundert: Damals hat es einen blutigen Streit zwischen Langobarden und Gepiden gegeben, weil die einen die anderen wegen ihrer weißwollenen Wickelgamaschen gehänselt hatten: Sie sähen ja aus wie Stuten mit weißen Fesseln (Paulus Diaconus, Geschichte der Langobarden 1,24). Im gleichen Jahrhundert erkannte der byzantinische Schriftsteller Agathias aus Myrina die germanische Herkunft der Franken an dem »barbarischen Charakter ihrer Tracht und ihrer Sprache«, obwohl sie, wie er einräumt, sonst rechtgläubige und gesittete Menschen seien.
 
Wir wüssten also Wesentliches über die Identität der Germanen, wenn wir ihre Tracht kennen würden. Leider kennen wir sie nicht besonders gut, und das, obwohl uns mehrere Arten von Quellen zur Verfügung stehen. Die Beschreibungen der antiken Autoren sind jedoch wenig detailliert und beleuchten nur einen kleinen Sektor der germanischen Stammeswelt. Antike Darstellungen von Germanen in der bildenden Kunst sind alles andere als fotografisch getreu und müssen vorgefassten Meinungen über das Aussehen von Barbaren Rechnung tragen. Im archäologischen Fundmaterial schließlich sind in der Regel nur die unverweslichen Bestandteile der Tracht erhalten, Fibeln, Schnallen und dergleichen. Textilfunde gehören zu den größten Seltenheiten, und auch sie unterliegen unterschiedlichen Erhaltungsbedingungen. So sind Stoffe aus Wolle unter den Moorfunden eher erhalten als solche aus Leinen. Diejenigen Textilfunde, die es erlauben, über Webtechnik, Farbe, Muster und Zuschnitt eines Kleidungsstückes etwas auszusagen, also über die Kriterien, von denen zweifellos die deutlichsten Signale in Bezug auf die soziale Zuordnung ausgegangen sind, sind so selten, dass ein differenziertes Bild der innergermanischen Trachtprovinzen auch nicht ansatzweise erkennbar wird. Wir müssen uns also mit einigen recht allgemeinen Beobachtungen begnügen.
 
Barbarisch: lange Hosen. ..
 
In ihren Hauptelementen war die von den Germanen getragene Oberbekleidung von der mittelländischen Alltagstracht gar nicht so sehr verschieden. Man trug einen der römischen Tunika entsprechenden Kittel, der in der Grundform aus einer seitlich zusammengenähten rechteckigen Stoffbahn bestand, mit einem Loch für den Kopf und zwei Schlitzen für die Arme. Ärmel konnten angenäht sein, von Frauen wurden auch lose Armlinge getragen. Der Kittel wurde gegürtet, von Frauen fallweise unter der Brust. Er war bei Männern kürzer als bei Frauen, bei jenen kniehoch, bei diesen knöchellang. Dem Anschein nach war dieses Kleidungsstück bei den Germanen nicht so weit geschnitten wie die faltenreich getragene Tunika der Römer.
 
Unter dem kurzen Kittel trugen die Männer Hosen, dies nun ein echt barbarisches Kleidungsstück. Es hatte bei den Römern — als Entlehnung von den Kelten — nur in Form kurzer, knielanger bracae Eingang gefunden, namentlich beim Militär. Lange Hosen, zumal solche mit angesetzten Füßlingen, waren das deutlichste Kennzeichen einer barbarischen Tracht, das man sich denken konnte.
 
Der Mantel jedoch, das dritte Element der Oberbekleidung, war wieder bei Römern und Germanen gleichermaßen beliebt: ein großes, rechteckiges Stück Stoff, meist aus Wolle, bei den Frauen gern auch aus Leinen, das über die linke Schulter gelegt und über der rechten mittels einer Fibel zusammengehalten wurde. Dieses großflächige, wirkungsvoll zu drapierende Kleidungsstück bot zweifellos die besten Möglichkeiten, Gruppenzugehörigkeit und sozialen Rang zu demonstrieren. Selbst ein römischer Feldherr — Caecina im Jahre 69 n.Chr. — hielt eine bewusst barbarenmäßige Kostümierung mit buntem Mantel und Hosen für ein geeignetes Mittel, bei der Bevölkerung Norditaliens Eindruck zu machen, berichtet Tacitus (Historien 2,20).
 
Der Mantel und die anderen Kleidungsstücke wurden nicht, wie wir es gewohnt sind, mit Knöpfen und schon gar nicht mit Reiß- oder Klettverschlüssen verschlossen, sondern mit Fibeln, ersatzweise mit Nadeln oder Bändern beziehungsweise Schnüren. Fibeln, die außer dem praktischen Zweck auch als Zierrat dienten, sind aus Grab-, Schatz- und Siedlungsfunden in so großer Zahl belegt, dass es den Anschein hat, als seien sie in der germanischen Welt in stärkerem Maß als bei den Römern zur Ausstaffierung der Tracht, zu ihrer Anreicherung mit Schmuckelementen benutzt worden. In ihrem Grundschema durchweg von römischen Vorbildern abhängig, haben die Germanen Fibeln nach ihrem eigenen Geschmack geformt. Regionale Varianten zeichnen sich ebenso ab wie zeit- und modeabhängige Formveränderungen. Das gilt auch für andere Accessoires der Tracht wie Nadeln und Gürtelschnallen.
 
... übertriebene Prunkliebe
 
Schließlich wurde das Erscheinungsbild vor allem der Germanin, aber auch des Germanen in hohem Maße durch den kleidungsunabhängigen, gleichwohl zur Tracht gehörigen Schmuck geprägt. Je nach Stand und Vermögen, vielfach zweifellos auch in gruppenspezifischer Ausprägung trugen die Frauen Halsschmuck aus Glas- und Bernsteinperlen, mit goldenen Anhängern und anderem mehr, sie trugen — wie gelegentlich auch Männer — Hals-, Arm- und Fingerringe, aber so gut wie nie Ohrringe. Schwergewichtiger Goldschmuck ist vor allem in reich ausgestatteten Gräbern der jüngeren römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit überliefert; die römischen Zeitgenossen werden in solchen Schmuckensembles den Ausdruck typisch barbarischer Prunkliebe gesehen haben.
 
Die allergrößte Schande: Verlust des Schildes
 
Zum äußeren Erscheinungsbild der Männer gehörte auch die Waffenrüstung, wenn nicht im Alltag, so doch in Kriegszeiten und bei offiziellen Anlässen. Eine verhältnismäßig leichte Lanze wird von Tacitus als die am häufigsten geführte Waffe bezeichnet, und er hat sogar den germanischen Namen registriert: Frame. Schwerter und schwere Lanzen (Spieße) würden, so berichtet er, nur von wenigen getragen. Das stimmt mit der Häufigkeit solcher Waffen im archäologischen Fundbestand gut überein. Auch der ebenfalls von Tacitus überlieferte Sachverhalt, dass man jene Framen sowohl als Wurfgeschoss als auch zum Fechten im Nahkampf einsetzte, lässt sich an Speerschäften, die in nordischen Moorfunden erhalten geblieben sind, anhand von Hiebmarken nachvollziehen. Schilde billigte Tacitus nur den berittenen Kriegern zu; gemessen an der großen Zahl von Funden müssen aber auch Fußkämpfer solche getragen haben. Für gewisse ostgermanische Stämme waren runde Schilde kennzeichnend. Außer der Form wird auch die immer wieder hervorgehobene Bemalung der Schilde kennzeichnend für den Stamm beziehungsweise für den jeweiligen Kampfverband gewesen sein. Das erklärt sehr gut, warum der Verlust des Schildes als allergrößte Schande galt und den Ausschluss aus der Stammesgemeinschaft nach sich zog. Abgesehen vom Schild stand man einer defensiven Bewaffnung eher ablehnend gegenüber; Panzer und Helm wurden nur von wenigen getragen, vielmehr kämpfte man am liebsten mit nacktem Oberkörper — Tacitus berichtet das jedenfalls, und bildliche Darstellungen sowie der archäologische Befund bestätigen ihn darin.
 
Es versteht sich, dass die Bewaffnung nicht überall in Germanien dieselbe war und dass sie im Lauf der Zeit merklichen Veränderungen unterlag. Bei den östlichen Stämmen waren nicht nur runde Schilde, sondern auch einschneidige Hiebschwerter beliebt, die man bei den westlichen Germanen in dieser Art nicht kannte. In der jüngeren Kaiserzeit kamen ausgesprochen lange zweischneidige Schwerter auf, ferner Streitäxte, die später in der Völkerwanderungszeit eine bedeutende Rolle spielen sollten. Solche Wandlungen in der Bewaffnung sind selbstverständlich Indizien für Veränderungen in der Kampfesweise und stehen meist in engem Zusammenhang mit militärischen Entwicklungen auch auf der gegnerischen Seite.
 
 Religion und Kultgemeinschaften
 
Sieht man von Situationen akuter Bedrohung durch äußere Feinde ab, so konnte sich wohl bei keiner Gelegenheit das Gemeinschaftsgefühl eines germanischen Stammes so deutlich und so nachhaltig artikulieren wie im gemeinsam vollzogenen Kult. Götterverehrung und Opferhandlungen begründeten und bekräftigten das Zusammengehörigkeitsgefühl der Stammesmitglieder, und wenn sich mehrere Stämme zu gemeinsamen Riten zusammenfanden, wie es verschiedentlich vorgekommen ist, war dies zweifellos die stärkste Klammer ihres Bündnisses. Dass die Eigenart von Stämmen und Stammesgruppen in religiösen Handlungen ihren tiefsten Ausdruck fand, erklärt die Vielfalt der Erscheinungsformen von Religion in Germanien.
 
Götter nicht in Wände eingeschlossen
 
So weiß denn auch Tacitus, unser wichtigster Gewährsmann, an Allgemeingültigem über die Religion der Germanen nur weniges zu sagen; das betreffende Kapitel (Germania 9) umfasst gerade einmal vier Sätze. Danach wurden Merkur, Herkules und Mars als Götter verehrt; unter ihnen stand Merkur am höchsten, und manche swebischen Stämme sollen auch die Isis verehrt haben. Hier wurden offenbar germanische Gottheiten, deren wirklicher Name im Dunkeln bleibt, aufgrund gewisser, vielleicht nur vordergründiger Ähnlichkeiten mit Gestalten der antik-heidnischen Götterwelt gleichgesetzt, ohne dass wirkliche Identität oder auch nur weitgehende Übereinstimmung vorausgesetzt werden kann. Man kann erwägen, ob mit dem Götternamen Merkur etwa Wodan/Odin gemeint ist, mit Herkules Donar/Thor und mit Mars der Kriegsgott Tiu/Ziu. Aber Gewissheit ist hierin nicht zu erlangen, denn die genannten nordischen Götter treten erst in mittelalterlichen Texten deutlich in Erscheinung. Ob sie unter den dort überlieferten Namen und in ihrer dort beschriebenen Eigenart schon seit der germanischen Frühzeit und bei allen Germanen verehrt worden sind, ist eine nicht zu beantwortende Frage. Man sollte also den Bemerkungen von Tacitus nicht mehr entnehmen, als dass bei den Germanen im Allgemeinen personale Gottheiten beiderlei Geschlechts und unterschiedlichen Ranges verehrt wurden. Tacitus fügt aber noch eine Beobachtung an, deren Gültigkeit sich nicht zuletzt anhand der archäologischen Funde bestätigen lässt: Die Germanen hätten ihre Götter nicht in Wände eingeschlossen. Sie bauten also keine Tempel, kannten keine sakrale Architektur in Holz oder Stein, wie wir sie etwa bei Kelten und Slawen und natürlich bei den Römern finden. Vielmehr verehrten sie ihre Götter unter freiem Himmel, auf Waldlichtungen und in heiligen Hainen und — so können wir angesichts archäologischer Funde ergänzen — an heiligen Wassern, stehenden und fließenden.
 
Grausame Riten
 
Recht karg sind also die Ausführungen von Tacitus über die Religion der Germanen im Allgemeinen. Sehr viel anschaulicher und farbiger ist jedoch das, was er von den kultischen Bräuchen einzelner Stämme zu berichten weiß. Einige kleine Stämme beispielsweise, die Anwohner der Ostsee im Bereich des heutigen Norddeutschland gewesen sein müssen, verehrten gemeinsam eine Personifikation der Mutter Erde mit Namen Nerthus (Germania 40). Deren Sitz war ein heiliger Hain auf einer Insel im Meer. Von Zeit zu Zeit wurde sie, in welcher Gestalt auch immer, auf einem von Kühen gezogenen Wagen und verhüllt unter einem Tuch von Ort zu Ort umhergefahren und überall gefeiert und verehrt. Zum Schluss wurden Wagen und Decke, auch die Göttin beziehungsweise ihr Kultbild selbst (numen ipsum), in einem verborgenen See gewaschen, und die Sklaven, die das besorgten, wurden in eben diesem See geopfert — eine dunkle Seite dieses sonst eher heiteren Kultes.
 
Auch die Semnonen kannten Menschenopfer (Germania 39). In ihren Stammesgebieten an Havel und Spree trafen sich zu bestimmten Zeiten Abordnungen verschiedener swebischer Stämme in einem heiligen Hain, der nur unter strengsten kultischen Vorkehrungen betreten werden durfte, und vollzogen die »grausige Opferhandlung« (ritus horrenda primordia). Der »allherrschende Gott« (regnator omnium deus), dem sie galt, wird mit Namen nicht genannt. Anders bei den ostgermanischen Naharvalen: Unter dem Namen Alces (Alken) verehrten sie ein jugendliches Brüderpaar, das laut Tacitus (Germania 43) »nach römischer Deutung« (interpretatione Romana) mit Castor und Pollux gleichzusetzen war. Ein Priester in weiblicher Tracht vollzog den Kult, auf der Lichtung eines Waldes, den man weit im Osten Germaniens zu suchen hat, irgendwo zwischen Oder und Weichsel.
 
Opferplätze, an welchen Germanen ihre Gaben einem numino- sen Wesen dargebracht haben, oft über einen längeren Zeitraum hinweg bei immer neu sich ergebenden Gelegenheiten, sind aus Germanien in einiger Anzahl bekannt und archäologisch erforscht worden. Dazu gehört der schon 1863 entdeckte Opferplatz an einer Quelle in Bad Pyrmont, der vom Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. bis zum 5./6. Jahrhundert n. Chr. immer wieder aufgesucht worden ist. Über eine noch längere Zeitspanne hinweg ist an einem kleinen See bei Oberdorla in Thüringen geopfert worden, schon seit der jüngeren Hallstattzeit (6. Jahrhundert v. Chr.) und besonders intensiv seit der Zeitwende von germanischen Gruppen. Bis zum 5. Jahrhundert sind hier vor allem Tier-, aber auch Menschenopfer dargebracht worden. Dort fand sich auch ein roh geschnitztes Idol einer Göttin aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. Besonders eindrucksvolle Komplexe von Weihgaben sind verschiedentlich in Mooren des südlichen Skandinavien zutage gekommen: Skeddemosse auf Öland, Vimose auf Fünen, Illerup, Ejsbøl, Nydam und Thorsberg auf der jütischen Halbinsel. Vor allem Waffen und andere militärische Ausrüstungsteile sind an einst offenen Seen geopfert worden, und zwar offenbar bei wiederholten, aber nicht eben häufigen Anlässen jeweils in großer Zahl. Daraus und aus den sonstigen Fundumständen lässt sich die Vermutung begründen, es habe sich jeweils um die von einem besiegten Feind erbeutete Ausrüstung gehandelt, eine Waffenbeute aus siegreicher Schlacht, die als Dank oder nach vorausgegangenem Gelübde gesamthaft einer Gottheit dargebracht wurde. Diese Sitte hatte im Norden eine alte Tradition: Die von der jütischen Halbinsel abgewanderten Kimbern gaben im Jahr 105 v. Chr. nach ihrem Sieg über die Römer bei Arausio im Rhônetal die gesamte Beute der Vernichtung anheim, und zwar, wie der spätantike Geschichtsschreiber Paulus Orosius schreibt, im Vollzug eines (für die Römer) neuartigen und ungewöhnlichen Verfluchungsritus. Rüstungen und Pferdegeschirr wurden dabei zerhauen, sogar Gegenstände aus Gold und Silber in den Fluss geworfen, die Pferde wurden ertränkt, die gefangenen Feinde an den Bäumen aufgehängt. Auf diese Weise wurde dem Sieger keine Beute zuteil und dem Besiegten kein Mitleid.
 
 Landwirtschaft und Siedlungswesen
 
Die Landwirtschaft stellte die wesentliche Lebensgrundlage aller germanischen Stämme dar: Der weitaus größte Teil der Bevölkerung hat seinen Lebensunterhalt durch Ackerbau und Viehzucht verdient, und nur wenigen war es vorbehalten, ihr Auskommen auf andere Weise, durch Handel und Handwerk etwa, zu finden. Die landwirtschaftliche Produktion stand innerhalb des von germanischen Stämmen besiedelten Raumes ungefähr auf dem gleichen technischen Niveau, jedoch konnte je nach der Landesnatur das Spektrum der angebauten Kulturpflanzen oder der gehaltenen Tierarten unterschiedlich sein. Dabei scheint die Bedeutung der Tierhaltung im Ganzen etwas größer gewesen zu sein als die des Landbaues; dieser Eindruck ist jedenfalls bei den Römern entstanden, die manche Stämme gar für reine Viehzüchter hielten.
 
Unter den Haustieren dominierte überall das Rind, von kleinerem Wuchs als heute, das als Milch- und Fleischlieferant und überdies als Zugtier diente. Nächst ihm sind — nun mit regionalen Schwerpunkten — Schwein und Schaf beziehungsweise Ziege belegt (Ziege und Schaf sind anhand des Knochenmaterials vielfach nicht zu unterscheiden). Pferd, Hund und Katze kommen hinzu, und nicht zuletzt Geflügel: Hühner, Gänse und vielleicht auch Enten. Der Anteil des Federviehs wird vermutlich unterschätzt, denn Geflügelknochen sind erhaltungsbedingt unter den Knochenfunden eher unterrepräsentiert. Wild hingegen hat als Nahrungsmittel nur eine ganz untergeordnete Rolle gespielt.
 
Die Bedeutung des Rindes wird auch dadurch unterstrichen, dass es zusammen mit den Menschen unter einem Dach lebte. Da Freilandhaltung im Winter aus klimatischen Gründen nirgendwo in Germanien möglich war, waren die Tiere aufgestallt, und zwar im Stallteil eines Langhauses, in Boxen beiderseits eines Stallganges. Der andere, oft kleinere Teil des Hauses wurde von der Bauernfamilie bewohnt.
 
An Feldfrüchten wurde vor allem Gerste angebaut. Andere Getreidesorten waren bekannt, spielten aber eine geringere, zudem regional unterschiedliche Rolle: verschiedene Weizenarten, Hafer, Roggen und Hirse. Schwerpunktmäßig im Nordseeküstengebiet hat man die Ackerbohne angebaut, als weitere Hülsenfrucht scheint auch die Erbse feldbaumäßig gezogen worden zu sein. Flachs (Lein) und in geringem Maße auch Hanf sind sowohl wegen der ölhaltigen Früchte als auch wegen der Fasern angebaut worden. Über die Erzeugnisse des zweifellos betriebenen Gartenbaus sind wir kaum unterrichtet. Obstbau scheint keine große Bedeutung besessen zu haben, und das Gleiche gilt für das Sammeln von Wildfrüchten.
 
Als hauptsächliches Ackergerät war der Pflug von alters her bekannt, und zwar in der Form des Ritzpfluges (Arder, Ard), den man, um ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen, kreuzweise über die Ackerfläche führen musste. Es gibt auch vereinzelte Hinweise auf den Einsatz eines Schollen wendenden Pfluges, jedoch scheint diese fortschrittliche Technik noch keine große Verbreitung besessen zu haben. Als weiteres von Tieren gezogenes Ackergerät war die Egge bekannt. Von Menschenhand wurden Spaten, Hacke und Ziehharke geführt, als Erntegeräte Sichel beziehungsweise Erntemesser und Sense.
 
Mit Bedacht gewählt: Die Siedlungsplätze
 
Die Landwirtschaft als die wesentliche Existenzgrundlage hat auch das Erscheinungsbild der germanischen Siedlungen in erster Linie geprägt. Dass die Germanen keine Städte bewohnten, war den römischen Zeitgenossen sattsam bekannt. Aber auch im Hinblick auf die ländlichen Siedlungen fiel deren lockere, scheinbar unsystematische Struktur ins Auge: Die Germanen siedelten vereinzelt und verstreut, wie ihnen gerade eine Quelle, eine Feldflur oder ein Gehölz zupass kamen — meint Tacitus. In Wirklichkeit waren die Siedlungsplätze sehr wohl mit Bedacht gewählt, unter den Gesichtspunkten von Wasservorkommen, Bodengüte und klimatischer Gunst. Durchgängig ausgeprägt war ferner die Gehöftstruktur: Die offenbar von einer Familie bewirtschaftete Betriebseinheit bestand aus einem Haupthaus sowie einigen Nebengebäuden. Jenes vereinte Wohnung und Viehstall unter einem Dach, diese dienten als Arbeitsräume und Speicher. Es gab Getreidespeicher, die in luftiger Höhe auf frei stehenden Pfosten errichtet waren, um das Erntegut vor Feuchtigkeit und Mäusefraß zu schützen. Andererseits kannte man halb in den Erdboden eingetiefte Grubenhütten, die den Vorräten Schutz vor extremer Kälte und Hitze boten, aber auch als Arbeitshütten genutzt werden konnten, etwa zum Spinnen und Weben. Ebenerdige Häuser, kleiner als das Haupthaus, konnten sowohl als Scheunen dienen wie auch witterungsgeschützte Arbeitsflächen bieten. Ein solches Gehöft wurde nicht selten von einem Zaun umschlossen, der Raubzeug fern und das eigene Vieh zusammenhalten sollte. Höfe solcher Art standen entweder einzeln oder gruppierten sich in mehr oder weniger lockerem Verband zusammen mit anderen zu einem Dorf oder Weiler.
 
Die Bauformen im Einzelnen sind gebietsweise verschieden. Im norddeutschen Flachland und in Skandinavien war das dreischiffige Wohn- und Stallhaus weit verbreitet, meist in reiner Pfostenbauweise errichtet, mit Wänden aus Flechtwerk und Lehm. Auf den Ostseeinseln Gotland und Öland kannte man aber auch solche Häuser mit trocken gemauerten Wänden. Daneben kamen zweischiffige Häuser vor und waren in anderen Gegenden sogar vorherrschend, also solche mit einer Reihe von Pfosten in der Längsachse, die den Firstbalken getragen haben. Bei den westlichen Ostgermanen waren verhältnismäßig kleine Häuser ohne Innenpfosten üblich, bei denen die Dachlast offenbar auf den Wänden ruhte. Bei solchen Häusern ist häufig eine Schmalseite halbrund wie eine Apsis. Würden wir mehr als nur die Grundrisse kennen — sie allein lassen sich günstigenfalls durch Ausgrabungen erfassen —, so würden wir uns zweifellos einer großen Vielfalt von Konstruktionsformen, architektonischen Details und schmückenden Elementen gegenübersehen, in welchen zweifellos auch Stammesidentität und sonstige Gruppenzugehörigkeit ihren Ausdruck gefunden haben.
 
 Handwerk, Handel und Verkehr
 
Im Rahmen ländlicher Siedlungen, wie sie eben geschildert wurden, vollzog sich nicht nur die landwirtschaftliche Produktion, sondern fanden auch handwerkliche Tätigkeiten ihren Raum, in erster Linie zur Befriedigung des örtlichen Bedarfs. Den Frauen oblag die Herstellung von Textilien durch Spinnen und Weben, während das Gerben von Leder und dessen weitere Verarbeitung mehr Sache der Männer gewesen sein dürfte. Das Arbeiten mit Holz — Zimmern beim Hausbau, Tischlern, Drechseln, Schnitzen von Kleingerät —, die Verhüttung und das Schmieden von Eisen, das Verarbeiten von Buntmetallen und Bein, ja sogar die Herstellung von Tongefäßen vollzogen sich dezentral in ländlichen Siedlungen und lagen dort in den Händen von Personen unterschiedlichen Spezialisierungsgrades, die aber stets noch in den landwirtschaftlichen Produktionsprozess eingebunden blieben.
 
Für den überörtlichen Bedarf arbeitende Handwerksbetriebe und Manufakturen scheint es nur verhältnismäßig selten gegeben zu haben. In der Lysa Gora im südlichen Polen ist der Abbau von Eisenerz und dessen Verhüttung zeitweise in großem Maßstab betrieben worden. Aus Thüringen ist ein Töpfereibetrieb bekannt geworden, der in der jüngeren Kaiserzeit offenbar mit römischem Personal eine qualitativ hoch stehende, scheibengedrehte Gefäßkeramik hergestellt und weiträumig abgesetzt hat. Auch die Goldschmiedearbeiten von hoher Qualität, wie sie aus nicht wenigen reich ausgestatteten Gräbern vorliegen, müssen in spezialisierten Ateliers für einen weit gestreuten Kundenkreis angefertigt worden sein. Aber selbst solche Produktionsstätten hat man sich mangels einer städtischen Alternative in einem ländlichen Milieu angesiedelt zu denken.
 
Bei einer so weitgehend auf Autarkie eingestellten Gesellschaft ist nicht zu erwarten, dass die Mechanismen einer weiträumigen Warendistribution, namentlich durch Handel, in besonderem Maße ausgebildet waren. Städtische Siedlungen oder sonstige größere Agglomerationen, die günstige Absatzchancen geboten hätten oder mit Hafen und Markt als Umschlagplätze für Waren hätten dienen können, waren nicht einmal ansatzweise vorhanden. Ein Wegenetz hat es sicher gegeben, das einzelne Siedlungen verband, auch über größere Entfernungen hinweg. Aber das waren keine für den Wagenverkehr ausgebauten Straßen wie im Römischen Reich, und allenfalls einige Bohlenwege in norddeutschen Moorgebieten können als Belege eines Kunststraßenbaus in Germanien angeführt werden. Wagen waren zwar gebräuchlich, werden zum Beispiel wiederholt im Zusammenhang mit Wanderzügen von Germanen erwähnt, doch gibt es keine Hinweise dafür, dass sie einem weiträumigen und umfangreichen Warenverkehr gedient hätten. Entsprechendes gilt für Schiffe.
 
Für die Römer wertvoll: Pelze, Bernstein und blondes Frauenhaar
 
Einen gegenteiligen Eindruck erweckt lediglich der römische Import: Gegenstände des gehobenen Bedarfs, teils sogar ausgesprochene Luxusgüter, sind bis in die hintersten Winkel Germaniens gelangt, und nicht einmal selten. Vielfach mögen römische Tafelgeschirre und andere Attribute feiner Lebensart als Ehrengeschenke zu politischen Zwecken in den Besitz germanischer Herren gelangt sein, anderes mag aus der Beute germanischer Einfälle in die römische Provinz stammen, und gewiss haben germanische Söldner nach ihrem Militärdienst im Römerreich manches Stück mit nach Hause gebracht. Zu einem gewissen Teil dürften solche römischen Produkte aber auch als Handelsgüter nach Germanien gelangt sein. Man fragt sich allerdings, welche Äquivalente den umgekehrten Weg aus Germanien zu den Römern genommen haben: Pelze und Bernstein vermutlich, wohl auch Sklaven, nicht zu vergessen blondes Frauenhaar, das, wie berichtet wird, von vornehmen Römerinnen zur Ausstaffierung ihrer Frisur sehr geschätzt wurde. Besonders rege und sozusagen alltäglich war der Handel mit den Römern nur in den grenznahen Bereichen. Wie der hohe Anteil römischer Keramik in germanischen Siedlungen nahe der Reichsgrenze andeutet, erstreckte sich hier der Austausch von Gütern auch auf die Gegenstände des täglichen Gebrauchs, auf Küchengeschirr und landwirtschaftliche Produkte.
 
Römisches Geld war in Germanien allenthalben bekannt und im Besitz von vielen. Soweit es aus Edelmetall bestand, wurde es zur Thesaurierung, zum Ansammeln und Aufbewahren eines Vermögenswertes, benutzt, sicher auch zuweilen als Wertäquivalent beim Tauschhandel. Von einer regelrechten Geldwirtschaft kann aber keine Rede sein, geschweige denn von eigener Münzprägung. Erst in den nachantiken Germanenstaaten auf römischem Reichsboden ist es zu den ersten Münzprägungen durch Germanen gekommen. Was im Innern Germaniens an römischen Geprägen zuerst nachgeahmt wurde — in Gestalt der nordischen goldenen Schmuckscheiben (Brakteaten) —, waren nicht Münzen, sondern Medaillons, Repräsentationsstücke also, die mit Kommerz nichts zu tun hatten, wohl aber mit Kunst.
 
 Bild und Schrift
 
Als man im 5. Jahrhundert n. Chr. bei den im Norden lebenden Germanen dazu überging, goldene Schmuckscheiben zu prägen, auf denen Gestalten und Szenen der eigenen Mythologie dargestellt waren, war eine wichtige Etappe in dem langen Prozess der Aneignung mediterraner Bildvorlagen erreicht, aber beileibe noch nicht dessen Ende.
 
Während in der antiken Welt, in der Welt der Griechen und Römer, buchstäblich jedweder Bereich des Lebens angefüllt war mit bildlichen Darstellungen, sehen wir uns im germanischen »Barbaricum« jenseits der römischen Grenzen einer bildlosen, anikonischen Welt gegenüber; diesen Eindruck vermitteln die archäologischen Funde ebenso wie einzelne Nachrichten in den Schriftquellen. So hat man sich in Rom noch lange über eine von Plinius dem Älteren überlieferte Anekdote amüsiert, der zufolge ein Barbar aus dem Norden für ein berühmtes Bildwerk in Rom nicht das geringste Verständnis aufbringen konnte. Nach dessen Wert befragt — womit der Kunstwert gemeint war —, hielt er es für wertlos, hatte also dafür gar keinen Maßstab.
 
Die Bildarmut der Heimat dieses Barbaren ist am archäologischen Fundbild deutlich ablesbar. Ein paar stiergestaltige Trinkhornendbeschläge, hier und da eine in grober Manier holzgeschnitzte Kultfigur, viel mehr ist für die ältere Kaiserzeit nicht zu nennen. Das änderte sich auch in der jüngeren Kaiserzeit nur zögernd, aber immerhin merklich. Tiergestaltige Fibeln kamen gebietsweise in Mode, sichtlich nach römischen Vorbildern gestaltet; Hirsch und Eber waren die beliebtesten Motive. Kleine vollplastische Rinderfiguren aus Bronze waren zwar selten, aber weithin bekannt; holzgeschnitzte mag es häufiger gegeben haben. Generell wurden jedoch aus dem überaus reichen Angebot von potenziellen Vorbildern nur Darstellungen von Tieren ausgewählt, und unter diesen wieder eher von solchen der heimischen Fauna als von exotischen.
 
Eine eigene Bildersprache: Die Tierornamentik
 
Mit der Nachahmung römischer Tierbilder setzte denn auch im 5. Jahrhundert eine Entwicklung ein, die zu einer für die germanische Welt eigentümlichen Kunstäußerung führen sollte. Ausgangspunkt waren Tierdarstellungen von Raubkatzen und Seetieren, welche die Randpartien spätrömischer, vor allem von Militärpersonen getragener Gürtelbeschläge aus Bronze oder Silber schmückten. Solche Metallarbeiten samt ihrer plastischen Verzierung wurden alsbald auch im Germanengebiet nachgeahmt, teils perfekt imitiert, teils aber auch dem eigenen Geschmack angepasst. Letzteres fand seinen Ausdruck in einer eigentümlichen Zerstückelung des Tierbildes, in seiner Auflösung in einzelne anatomische Elemente. Einen weiteren Schritt weg von den römischen Vorformen, hin zu einem selbstständig entwickelten, spezifisch germanischen Kunststil bedeutete es, wenn solche Tierbilder nicht mehr nur am Rand von Ziergegenständen in Erscheinung traten, sondern auch die zentralen Zierflächen besetzten und wenn die Elemente der Tierdarstellungen in ganz unorganischer Weise, allein nach künstlerischen Gesichtspunkten, arrangiert wurden. Im südlichen Skandinavien und in der Zeit um 500 n. Chr. ist diese germanische Tierornamentik der ersten Stilstufe entwickelt worden (»Tierstil I«). Sie sollte noch im Laufe des 6. Jahrhunderts die zweite Entwicklungsstufe erreichen: Unter dem Einfluss mediterraner Flechtbandmuster wurden die Tierdarstellungen nun nach einem Flechtsystem arrangiert, es wurden, anders gesagt, Flechtmuster mithilfe von Tierbildern, Tierbilder als Flechtmuster dargestellt (»Tierstil II«).
 
Mit der Tierornamentik hatten die germanischen Stämme, hatte jedenfalls die Mehrzahl von ihnen eine ihnen gemäße künstlerische Ausdrucksform gefunden. Dieser Formensprache bedienten sich die skandinavischen Völker ebenso wie die Langobarden in der Theißebene oder in Italien, sie wurde von Angelsachsen, Franken und Thüringern gleichermaßen verstanden; lediglich die gotischen Stämme scheinen daran keinen Anteil genommen zu haben. Aber was für ein langer Adaptionsprozess, bis endlich im 5. Jahrhundert aus einem buchstäblich marginalen Sektor der antiken Bilderwelt eine eigene germanische Bildersprache entwickelt werden konnte!
 
Runen raunen, sie verlautbaren nicht
 
Nicht anders verhält es sich mit der Rezeption der Schrift, eines wesentlichen, ja konstitutiven Elements der antiken Hochkultur. Allerdings ist die Quellensituation so, dass uns weite Strecken dieses Aneignungsvorganges unbekannt sind und rätselhaft bleiben, und das vielleicht für immer.
 
Nur so viel ist gewiss: Germanen müssen frühzeitig aus einem mediterranen Alphabet ein eigenes Schriftsystem abgeleitet haben, die Runenschrift nämlich in der Form des älteren Futhark. Alles weitere ist Spekulation: Welche Germanen beteiligt waren, welches Alphabet als Vorlage diente (lateinische Kursive, nordetruskische Schrift oder sonst etwas), wo und wann das geschehen ist (um die Zeitwende vielleicht, vielleicht auch früher oder später). Fest steht aber, dass ein voll ausgebildetes, uneingeschränkt taugliches Schriftsystem mit 24 Zeichen entwickelt worden ist. Seine Eigenständigkeit ist nicht nur aus dem unverwechselbaren Duktus der Buchstaben zu ersehen, sondern vor allem aus zwei Eigenarten, die mit keinem der als Vorbild in Betracht kommenden Alphabete übereinstimmen:
 
Die erste ist die Reihenfolge der Buchstaben. F - U - Th - A - R - K sind die ersten sechs Zeichen der Runenreihe; so ergab sich »Futhark« als Bezeichnung für dieses »Alphabet«. Die zweite ist der Umstand, dass dem einzelnen Buchstaben neben seinem Lautwert auch eine begriffliche Bedeutung zukommt; zum Beispiel hat die erste Rune nicht nur den Lautwert »f«, sondern auch die Bedeutung »fehu« (Vieh).
 
Diese Schrift muss lange — jahrhundertelang — in Bereichen geübt worden sein, zu welchen wir weder durch schriftliche Überlieferung noch aufgrund archäologischer Funde Zugang haben. Eine, als Runendenkmal umstrittene, Fibel aus dem 1., wenige Stücke aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. ragen wie Inseln aus einem uns sonst verborgenen Anwendungsfeld der Runenschrift. Erst im 3. Jahrhundert setzt die Überlieferung auf breiterer Front ein: In den Ländern an der westlichen Ostsee ist man allem Anschein nach zuerst dazu übergegangen, Runen auf solche Gegenstände zu ritzen, die bis in unsere Zeit überdauern konnten, und auch im ostgermanischen Bereich finden sich einige Beispiele aus dieser Zeit. Von nun an reißt die Überlieferung nicht mehr ab. Runen wurden im Norden bis in die Neuzeit geschrieben. Deswegen brauchte auch die Runenschrift nie entziffert zu werden; man konnte sie noch lesen, als die wissenschaftliche Beschäftigung mit alten Runeninschriften einsetzte.
 
Fassen wir jedoch die Zeit des älteren Futhark (vor Anfang des 8. Jahrhunderts) ins Auge, so ist es vor allem die Anwendungsweise, die, mehr noch als die formale Eigenart, die Runenschrift von der antiken Schriftkultur unterscheidet. Ihr Anwendungsbereich war eng umgrenzt: Widmungen und Zueignungen auf Gegenständen, meist auf deren Rückseite und demzufolge in der Regel nicht sichtbar, damit verbunden oder auch allein gute Wünsche, selten Verwünschungen, ferner Namen (des Gegenstandes, des Besitzers, des Widmenden, des Empfängers), wiederholt auch die Nennung der Person, welche die Runen ritzte. Es wurden also sehr persönliche, private Dinge zum Ausdruck gebracht, und zwar in diskreter Weise. Wie ihr Name schon sagt: Runen raunen, sie verlautbaren nicht.
 
Obwohl also den Germanen ein in jeder Hinsicht taugliches Schriftsystem zur Verfügung stand, obwohl sie über Jahrhunderte hinweg mit der römischen Art der Verwendung von Schrift Bekanntschaft machen konnten, obwohl die Vorteile der Schriftlichkeit im öffentlichen Leben doch auch für sie klar zutage gelegen haben müssen, blieb die Anwendung von Schrift bei ihnen viele Jahrhunderte lang einer eng umgrenzten privaten und diskreten Sphäre vorbehalten.
 
 Die germanische Geschichte an ihrem Ziel
 
Die Ursprungsbedingungen des Germanentums bestimmten auch das Ziel der germanischen Geschichte. Die Germanen, die in der Konfrontation mit dem Römerreich ihre Identität gefunden hatten, richteten fortan ihr Interesse auf Teilhabe an diesem. Das geschah auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlicher Energie. Vielfach zielte ihr Streben nur auf materielle Güter, in deren Besitz man auf friedliche Weise gelangen konnte — durch Handel oder Geschenke — oder aber unfriedlich durch Raubzüge und Plünderungen. Dabei ging es stets auch um die Aneignung zivilisatorischer Errungenschaften, ein oft langwieriger Prozess, wie die Beispiele von Münzgeld, Bild und Schrift gezeigt haben. In zunehmendem Maße stand ihnen der Sinn aber auch nach Beteiligung an der politischen Macht und nach Inbesitznahme römischer Territorien. Im Einzelnen sind die von den germanischen Stämmen entwickelten Aktivitäten, sind die verfolgten politischen Ziele und dazu eingesetzten Strategien durchaus verschieden voneinander, so verschieden, dass es auf den ersten Blick sinnlos erscheinen mag, die Geschichte der Germanen in der ersten Jahrtausendhälfte nach der Zeitwende auf einen Nenner bringen zu wollen. Trotzdem lässt sich eine für alle germanischen Gruppen gleiche Grundrichtung der historischen Entwicklung ausmachen: Sie waren alle unterwegs zu einem höheren Kulturzustand, zu entwickelteren Formen der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung, und wollten ihre barbarische Existenz hinter sich lassen. In der konkreten historischen Situation lief das auf eine permanente Auseinandersetzung mit dem Römerreich hinaus.
 
Das auf geistiger, politischer und militärischer Ebene ausgetragene Ringen endete im Westen mit einem germanischen Erfolg. Während das Oströmische Reich die Germanengefahr abwehren und die angreifenden Stämme, namentlich die beiden gotischen, nach Westen abdrängen konnte, fand das Römerreich im Westen — sagen wir 476 n. Chr. — ein Ende und wurde durch Germanenstaaten auf ehemals römischem Territorium ersetzt. Das von den romanischen Völkern bewahrte Kulturerbe der Antike und die aus barbarischer Wurzel entwickelte Lebens- und Geisteswelt der germanischen Stämme gingen eine innige Verbindung ein. In die auf dieser Grundlage neu erstehende Ordnung des Mittelalters wurden nach und nach auch diejenigen germanischen Völker einbezogen, die im alten Germanien verblieben waren, in Skandinavien und in den Landstrichen zwischen Rhein und Elbe.
 
Damit endet die Geschichte der Germanen und beginnt die Geschichte der europäischen Nationen.
 
Prof. Dr. Hermann Ament
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Völkerwanderung: Die Germanen dringen ins römische Imperium
 
 
Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum römischen Reich. Quellen zur alten Geschichte bis zum Jahre 238 n. Chr., herausgegeben und übersetzt von Hans-Werner Goetz u. a. 2 Bände. Darmstadt 1995. Text deutsch, lateinisch und griechisch
 Ament, Hermann: Der Rhein und die Ethnogenese der Germanen, in: Prähistorische Zeitschrift, Jahrgang 59. Berlin u. a. 1984.
 Düwel, Klaus: Runenkunde. Stuttgart 21983.
 
Die Germanen. Geschichte und Kultur der germanischen Stämme in Mitteleuropa, herausgegeben von Bruno Krüger. 2 Bände. Berlin 2-51986-88.
 
Germanische Religionsgeschichte. Quellen und Quellenprobleme, herausgegeben von Heinrich Beck u. a. Berlin u. a. 1992.
 
Griechische und lateinische Quellen zur Frühgeschichte Mitteleuropas bis zur Mitte des 1. Jahrtausends unserer Zeit, herausgegeben von Joachim Herrmann. 4 Bände. Berlin 1988-92.
 
Kunst der Völkerwanderungszeit, herausgegeben von Helmut Roth. Mit Beiträgen von Birgit Arrhenius u. a. Berlin u. a. 1979.
 Mildenberger, Gerhard: Sozial- und Kulturgeschichte der Germanen. Von den Anfängen bis zur Völkerwanderungszeit. Stuttgart u. a. 21977.
 
Reallexikon der germanischen Altertumskunde, begründet von Johannes Hoops. Herausgegeben von Heinrich Beck u. a. Auf zahlreiche Bände berechnet. Berlin u. a. 21973 ff.
 Schmidt, Ludwig: Geschichte der deutschen Stämme bis zum Ausgange der Völkerwanderung. 3 Bände Berlin 21934-42. Nachdruck München 1969-70.
 Todd, Malcolm: The Northern barbarians 100 BC-AD 300. Oxford 1987.
 Uslar, Rafael von: Die Germanen. Vom 1. bis 4. Jahrhundert n. Chr. Stuttgart 1980.
 Uslar, Rafael von: Germanische Sachkultur in den ersten Jahrhunderten nach Christus. Mit einem Beitrag von Joachim Boessneck. Köln u. a. 1975.
 Werner, Joachim: Das Aufkommen von Bild und Schrift in Nordeuropa. München 1966.
 Wolfram, Herwig: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie. München 31990.
 
Zur germanischen Stammeskunde. Aufsätze zum neuen Forschungsstand, herausgegeben von Ernst Schwarz. Darmstadt 1972.

Universal-Lexikon. 2012.

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